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Samstag, 01.11.2003, Ausgabe-Nr. 255, Ressort Kanton
     

Vergessene Angehörige von Gewaltopfern

BERN  Im Mordprozess Haldemann kam gestern im Berner Amthaus der Luzerner Gerichtspsychiater Andreas Frei zu Wort: Er erläuterte die Gutachten, die er und seine Mitarbeitenden über die vier Angeschuldigten erstellt hatten. Der mutmasslichen Anstifterin, dem Todesschützen und einem der beiden Mitläufer attestierte er Persönlichkeitsstörungen. Angehörige und Freunde von Gewaltopfern tun sich jeweils schwer damit, dass sich zwangsläufig vor allem auch während Prozessen fast alles um die Täter dreht, während die Opfer und sie, die Angehörigen, in Vergessenheit geraten. In Bern treffen sich seit einiger Zeit fünf Frauen Mütter und Ehepartnerinnen von Mordopfern in der Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde von Gewaltverbrechen. Sie kämpfen gemeinsam gegen ihre Isolation und Verbitterung und wollen Öffentlichkeit, Behörden und Justiz an sich und ihre Anliegen erinnern. Gegenüber dem «Bund» haben die fünf Frauen offen über ihre Gefühle, Wünsche und Hoffnungen berichtet. Und vor allem die Arbeit der Opferhilfe gelobt. (wd)    

Und die Opfer von Gewalttaten?

«Das Schreckliche zu bewältigen versuchen»: Ein Besuch in der Berner Selbsthilfegruppe für Angehörige von Gewaltopfern. Wenn Gewalttaten juristisch beurteilt werden - wie gegenwärtig im Mordprozess Haldemann -, dreht sich fast alles um die Täter. Doch wer denkt an die Opfer, ihre Angehörigen und Freunde? In Bern treffen sich jeden Monat Betroffene von Gewaltverbrechen - und lehnen sich dagegen auf, vergessen zu werden.

    

WALTERDÄPP

    

«Wir treffen uns nun jeden Monat einmal», sagt sie, «und es tut uns allen gut, miteinander über das zu reden, was uns verbindet. Gemeinsam versuchen wir, das Schreckliche irgendwie zu bewältigen.» Im Februar 2002 hatte Anna Katharina Studer, deren Mann zwei Jahre zuvor getötet worden war, im «Bund» über ihre Absicht berichtet, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde von Gewaltopfern zu gründen. Die Gruppe ist inzwischen gebildet: Fünf Frauen sprechen sich einmal im Monat miteinander über das aus, was ihr Leben so abrupt und so absolut verändert hat über den plötzlichen Verlust, das Unfassbare, das Böse, über die Ohnmacht, die Wut, den Hass, die Angst, die Trauer, die Verbitterung. Und sie versuchen sich gegenseitig zu stützen sich hinauszuhelfen aus dem dunklen Loch, in das sie so abrupt gestossen worden waren.

«Eine kleine Insel»

«Die Selbsthilfegruppe ist für mich ein geschützter Raum, eine kleine Insel, wo ich vor Verletzungen geschützt bin», sagt etwa Brigitte Moret, «hier darf ich weinen, darf ich von meinem Kind erzählen, darf ich über meine Ängste berichten. Hier darf ich auch von meiner Todessehnsucht reden, die mich immer wieder befällt und von meinem ständigen Kampf dagegen. Hier hört man mir zu, hier versteht man mich.» Brigitte Moret, Kindergärtnerin in Lyss, hatte am 6. April 1997 ihren damals 18-jährigen Sohn Manuel verloren. Er war plötzlich verschwunden einen Monat später, am 8. Mai 1997, fand man seine Leiche im Ausgleichsbecken des Felsenau-Kraftwerks. Er war an den Füssen gefesselt, als man ihn aus der Aare zog. Vom Täter fehlt auch heute noch jede Spur. «Und dieser Täter», sagt Brigitte Moret, «hat nicht nur Manuel getötet, er hat viele Leben kaputtgemacht.  Vorher habe ich gelebt, nun funktioniere ich nur noch.»

Die Kinderzulage zurückbezahlt

Sie lebe seither zurückgezogen, sagt Brigitte Moret, habe aber glücklicherweise noch viele Freunde, auf die sie zählen könne. Andererseits gebe es immer wieder Menschen, die nichts von ihrem Leid hören wollten. Und: An sich gut gemeinte Bemerkungen wie  «die Zeit heilt Wunden» möge sie schon gar nicht mehr hören. Sie wolle vor allem Gewissheit darüber, was mit Manuel passiert ist, wer ihn aus welchem Grund umgebracht hat auch wenn sich an der unabänderlichen Tatsache, dass ihr Sohn tot sei, nichts mehr ändern lasse. Weil kein Täter da sei, seien ihr zum Beispiel bisher auch keine Anwaltskosten zurückerstattet worden, kritisiert sie und regt sich etwa auch heute noch darüber auf, dass man sie damals sehr prompt, schon zwei Monate nach dem Auffinden von Manuels Leiche, gemahnt hatte, die Kinderzulage zurückzuzahlen, die man ihr für Mai 1997 also über Manuels Tod hinaus zu viel ausbezahlt hatte. «Es geht mir nicht ums Geld», sagt Brigitte Moret, «doch diese lieblos rasche Zahlungsaufforderung hat mir weh getan.» Nun wehre sie sich dagegen, dass Manuel «einfach vergessen wird, nur noch eine Nummer auf dem Friedhof ist». Und: Sie wolle den Mörder finden auch im Internet:

http://manuelramseier.ch 

«Ein ständiger Horror»

Für die Mutter eines anderen Gewaltopfers ist «das Leben seither ein ständiger Horror». Es schmerze sie, dass bei ihr und ihrem Mann «von Seiten der Justiz oder der Staatsanwaltschaft nie jemand nachgefragt» habe. Man habe sich stets nur um den Täter gekümmert das Opfer und sie, die Angehörigen des Opfers, seien bald in Vergessenheit geraten. Von ihnen habe man bloss stets «das Unmögliche erwartet, mit dem Täter auch noch Mitleid zu haben». Sie sei froh, sagt die Frau, nun in der Selbsthilfegruppe offen reden zu können:  «Dieser Austausch bringt mir viel. Hier habe ich Ansprechpartnerinnen, die wissen, von was ich rede und was mich so betroffen macht.» Eine weitere Mutter eines Gewaltopfers ärgert sich, dass im psychiatrischen Gutachten über den Täter nun eher dieser als Opfer dargestellt werde statt ihre getötete Tochter. «Man erhält das Gefühl», sagt sie, «es hier mit einem Herrn zu tun zu haben, der eigentlich unschuldig ist dabei hat er auf schlimmste Weise unserer Tochter das Leben genommen.» Es sei zwar unmöglich, über den grausamen Einschnitt in ihrem Leben hinwegzukommen, sagt eine andere Betroffene, doch das Zusammenkommen in der Gruppe sei nun eine Möglichkeit, sich gegenseitig zu stützen nicht um Hass auf die Täter zu schüren, sondern um selber im Bewältigen des Geschehenen immer wieder einige Schritte weiter zu kommen.

An die Opfer erinnern

Dies ist auch Sinn und Zweck der Selbsthilfegruppe. Denn das Leiden der Angehörigen ist wie diese betonen mit dem juristisch gefällten Urteil nicht abgeschlossen: Der gewaltsame Verlust bleibe ein Leben lang eine unfassbare, schmerzliche Tatsache. Die Gruppe setzt sich deshalb dafür ein, die Position der Opfer und ihrer Angehörigen zu stärken und die Öffentlichkeit, die Behörden und die Justiz an sie und ihre Anliegen zu erinnern. Positiv sei, dass sich in allen ihren Fällen die Opferhilfestelle gut und hilfreich eingesetzt habe; es sei wichtig, dass Opfer von Gewaltverbrechen und ihre Angehörigen diese Unterstützung erhielten.

Verbitterung oder Lebensfreude

Als sie vor eineinhalb Jahren im «Bund» zur Gründung der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Gewaltopfern aufrief, war das für die Initiantin so etwas wie eine Flucht nach vorn. Sie wolle sich aktiv bemühen, sagte sie damals, die Ermordung ihres Mannes «als Teil unseres Familienschicksals schrittweise zu akzeptieren», denn: «Entweder man zieht sich zurück und verbittert, oder man versucht, zu neuer Lebensfreude zu kommen.» Die Selbsthilfegruppe sei für alle Teilnehmerinnen eine Möglichkeit, um gegen diese Verbitterung anzukämpfen. «Wir bemühen uns sehr, bei unseren Treffen auch positiven und zukunftsorientierten Themen Raum zu geben», sagt sie nun und meint: «Zwischenhinein ist es uns sogar schon gelungen, uns gemeinsam über etwas zu freuen und zu lachen.»

[i] Selbsthilfegruppe: Für Angehörige und Freunde von Gewaltopfern, Team Selbsthilfe Bern, Hopfenrain 10, 3007 Bern.

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